Das kleinste Problem ist Corona

Bevor ich beginne, meine Achterbahn seit Januar 2020 zu schildern, bin ich den Interessierten (danke für die Anfragen) noch Antworten zu der Pflegesituation aus einem vorangegangenen Blogbeitrag schuldig.

Warum ich noch keinen weiteren "Pflege in Corona Zeiten"-Beitrag geschrieben habe ist sehr einfach. Es gab nichts Negatives zu berichten. Klar, man sollte auch Positives schreiben, wenn es davon zu erzählen gibt. Aber der Mensch, und ich bin einer, entwickelt immer sehr viel schneller und mehr Energie, wenn es was zu Meckern gibt. :-)

Wir hatten einige Probleme mit der polnischen Agentur der Betreuerin meines Vaters. Der Vertrag mit dieser Agentur wurde beendet und die neue Haushaltshilfe macht seit einem guten Monat, ihre Sache sehr gut und wir sind sehr zufrieden, in erster Linie mein Vater, um den es geht.



Nun zu der Episode, die ich in diesem Beitrag erzählen möchte, oder muss, ich denke ihr versteht was ich damit meine. Ich höre und lese sehr viel von den Problemen, mit denen Menschen durch die Pandemie zu kämpfen haben. Ich will diese Probleme hier auch bestimmt nicht verniedlichen oder runterspielen. Wir verlieren Angehörige, Jobs und Existenzgrundlagen durch Corona, und das ist sehr schlimm. Mein Leben hat sich seit Beginn 2020 völlig verändert und das hatte mit Corona eher wenig zu tun.

Begonnen hat alles mit meiner Entlassung. Ein kleines Unternehmen, für das ich seit 1995 tätig war, erst freiberuflich, die letzten vier Jahre dann angestellt, schickte mir die "erfreuliche" Post in der letzten Novemberwoche. Kurz vor Weihnachten die Kündigung zum 31.12.19. Es geht mir hier nicht darum, zu diskutieren warum, Schuld zuzuweisen usw. Die Art und Weise hatte mich geschockt. Es lief nicht gut das wussten alle (ca 10 Mitarbeiter) aber wenn du für jemanden so lange arbeitest, entwickelt sich ja eine Beziehung, die ich für Freundschaft hielt. Der Geschäftsführer hatte mir im Sommer noch beim privaten Plausch in einem Biergarten versprochen, dass egal wie es weitergeht, wenn nicht in dieser Position und diesem Projekt, es weitergeht.

Dann bekommst du kein persönliches Gespräch oder einen Anruf, sondern einen Brief. Mein Anruf und die Frage wie es denn nun weitergehen könnte, wurde mit "erstmal gar nicht" klar beantwortet. Ich war echt getroffen und psychisch angeknackst. Um es kurz zu machen, die Sache verlief wie im Film. Ich sollte auch keinen Resturlaub ausgezahlt bekommen, musste klagen, habe gewonnen, toll.


Nun startete ich nach kurzer Krankheit in ein Jahr 2020, welches gerade eine Pandemie entwickelte. Ich war arbeitslos und selbständig und/oder angestellt wieder Fuß zu fassen. Die ersten Bewerbungsgespräche verliefen noch eher positiv, bis die Firmen in eine Art Dornröschenschlaf verfielen, wohl um Corona auszusitzen. Ich erhielt einige Absagen mit der Begründung, dass der Job jetzt "erstmal" doch nicht vergeben wird. Man warte mal ab.

Ja, das hatte mit dem Virus zu tun, den Punkt muss ich ihm geben.


In dieser Zeit verschlechterte sich der Zustand meines Vaters (81) rapide. Er entwickelte sich zum Demenz-Pflegefall Grad 3 und der schwerer werdende Umgang und höhere Aufmerksamkeitsanspruch nahm meine Mutter (76) zusehends mit. Wir leben in einem Haus und so erlebe ich mit, kann auch unterstützen, aber wenig gegen den Stress der Gedanken tun. Meine Mutter hatte, wegen ihrer Magenschmerzen im April 2020 den ersten Termin beim Arzt. Die Ursache könnte Belastung und Anstrengung sein, aber man wollte das schon auch mal genauer untersuchen. Nach Ultraschall, Röntgen, Röhre und zwei Kurz-Aufenthalten im Krankenhaus waren die Ärzte zu dem Entschluss gekommen, dass da an der Leber/Galle was nicht richtig zu sehen ist und man da einen Stent legen müsse, um die Durchblutung sicherzustellen. Ich kann diese Dinge nur laienhaft wiedergeben, da ich kein Arzt bin.

Bei der Operation, also Legung des Stents, wurde zwischen Leber und Galle eine Probe genommen, um diesen Bereich genauer zu untersuchen. Die Diagnose dieser Probe war Krebs. Ob gut oder bösartig und ob man ihn entfernen könne, sollte eine zweite OP zeigen. Die zweite Operation meiner Mutter, Anfang September kam zu dem Ergebnis, dass der Krebs nicht operabel ist, und es wurde ihr zu Chemotherapie geraten.

Während dieser mehrfachen Termine bei Arzt und Krankenhaus, kümmerte ich mich um meinen Vater und versuchte für ihn weiter Unterstützung zu finden. Leider gibt das deutsche System da wenig her. Vom Pflegegeld kann man eine Hilfe engagieren die 1-2-mal die Woche zum Putzen oder Waschen vorbeikommt. Medizinische Hilfe brauchte er noch keine, aber es gibt mehr zu tun in einem Haushalt, besonders wenn eine fortschreitende Demenz eigentlich dauernder Beaufsichtigung bedarf und die Ehefrau alle paar Tage völlig fertig vom Arzt oder Krankenhaus nach Hause kommt. Es ist schwierig sich ein Frühstück zuzubereiten, wenn man vergessen hat, wo die Butter aufbewahrt wird.

In der ersten Oktober Woche sollte die Chemotherapie meiner Mutter beginnen. Sie hatte zu dieser Zeit auch körperlich schon sehr abgebaut, da die ganze Situation sie sehr stresste. Ich war mit ihr bei mehreren Untersuchungs- und Vorbereitungs-Terminen, bei denen sie gecheckt wurde, angeraten wurde sie müsse mehr essen, aber grundsätzlich sei sie ja sehr fit. Am Samstag, den 02. Oktober ließ ich meine Mutter vom Notarzt ins Krankenhaus bringen, da sie über starke Schmerzen (überall) klagte. Als sie schmächtig und schwankend auf die Bahre gelegt wurde und im Ambulanzwagen verschwand habe ich sie zum letzten Mal gesehen.


Samstag wurde sie eingeliefert. Sonntag habe ich sie nicht besucht, da man mir sagte sie hätte Beruhigungsmittel bekommen und würde den ganzen Tag schlafen. Dann wollten zwei ihrer Freundinnen sie besuchen und ich sagte denen, klar macht das. Es werden täglich nur zwei Besucher gestattet (wegen Corona), aber dann fahre ich halt Montag rein. Wir wohnen außerhalb, ca. 20 Kilometer vom Krankenhaus entfernt. Vielleicht sagt ihr, ich habe mir zu wenig Gedanken gemacht, aber ich hatte mich auch um meinen Vater zu kümmern (und um die frisch eingezogene Polin die noch Einweisungen im Haushalt brauchte und Fragen hatte), und hielt den Krankenhausaufenthalt meiner Mutter für nur einen weiteren, nach den letzten Monaten.



Der Anruf kam am Montagmorgen gegen 8.30 Uhr. Eine Krankenhausangestellte sagte mir, dass meine Mutter auf der Intensivstation mit dem Tode kämpft und ob ich eine Patientenverfügung von ihr habe? Mein Gehirn und meine Knie haben sich da verabschiedet. Ich sagte: "Ja, ich suche die Verfügung raus" und sie meinte sie rufe gleich nochmal an. Ich habe den Ordner rausgezogen und aufgeklappt, da klingelte das Telefon wieder. Die Dame war wieder dran und sagte: "Ich habe die Verfügung gleich". Darauf meinte sie: "Tut mir leid, aber die ist nicht mehr nötig".

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