Pflege in Corona Zeiten


Eigentlich wollte ich die Berichte aus meiner familiären Situation, möglichst im zeitlichen Ablauf niederschreiben. Also in der Vergangenheit beginnen und mich in die Gegenwart vorarbeiten. Derzeit ist die Situation aber so angespannt und "abwechslungsreich", dass ich einen sehr aktuellen Beitrag verfassen muss.


Die Demenz meines Vaters entwickelte sich im Jahr 2020, trotz Medikamenten und ärztlichen Untersuchungen, sowie Gedächtnisgesprächen und Neurologen, mit ansteigender Geschwindigkeit. Die anfängliche Vergesslichkeit wurde zu Erinnerungslücken und meine Mutter, die selbst unter Depressionen und Diabetes litt, konnte den täglichen Haushalt mit den zusätzlichen Belastungen nicht mehr allein bewältigen. Die Arztbesuche der zwei häuften sich. Natürlich versucht man als Sohn zu unterstützen, aber auch das eigene Leben will bewältigt sein und man hat ja auch Verantwortung für weitere Menschen wie z.B. meine Kinder.


Ich erkundigte mich also wo man weitere Hilfe bekommen kann und wie diese finanziert werden könnte. Wir begannen mit einer Haushaltshilfe einer ortsansässigen Organisation, die wöchentlich vorbeikam und die Arbeiten erledigte, die gerade anfielen. Putzen, Wäsche waschen und derlei Dinge. Bezahlt wurde dies von der Pflegekasse und damit war deren zur Verfügung gestelltes Geld auch erschöpft.


Im Sommer 2020 wurden für meine Mutter aufgrund von diversen "kleinen" Beschwerden, einige Untersuchungen inkl. ein-zwei Krankenhausaufenthalten angeordnet. Wir überlegten, wie und wer am besten für meinen Vater sorgen könnte. Eine tägliche Kraft, die den kompletten Haushalt führt und seine Mahlzeiten (Tabletteneinnahme) überwacht war praktisch nur mit einer 24-Stunden kraft zu machen. Internetrecherche und persönliche Erfahrungen von Bekannten führten zur Entscheidung.


Eine Polin muss her. Ja, ein Großteil der Pflegekräfte aus dem Osten stammen mittlerweile auch aus Russland, der Ukraine usw.... aber die Vermittlung findet in der Regel über eine polnische Agentur statt wobei die Vermittlung der Vermittlung über eine deutsche Partneragentur abgewickelt wird. Man, kann unschwer erkennen, dass eine Menge Leute an dem ganzen Ablauf irgendwo was verdienen müssen.


Die ersten zwei Agenturen, von denen ich mir im August Angebote schicken ließ, waren namhafte und bei unseren Recherchen oft empfohlene. Beide konnten innerhalb von einem Monat keine passende Kraft vorschlagen. Die Dame sollte sein:

  • eben eine Dame

  • zwischen 30 und 60 Jahre alt

  • verständlich Deutsch sprechen und verstehen

  • und einen Führerschein haben


Das Problem bestand nicht in diesen Vorgaben, sondern wie ich später festgestellt habe, aus der Corona-Situation. Im Osten hatte man (zumindest glaubte man das) noch kaum Infizierte, während im Westen Europas der Zustand ja ganz furchtbar war. So wollte einfach ein Großteil gerade nicht in Deutschland arbeiten.

Anfang September hatten wir Glück. Eine Betreuerin, die den Vorgaben entsprach, war schon in der Nähe tätig und dort unzufrieden. Sie reiste Mitte September 2020 an, und kümmerte sich um meinen Vater bis 31.01.2021. Dann fingen die Probleme an.


Normalerweise wird von der Agentur ein Austausch geplant, d.h. die eine geht, macht einen Tag Übergabe mit der Neuen, erklärt ihr alles und die neue Betreuerin führt die Arbeit fort. Ich wurde über einen anstehenden Austausch erst 7 Tage vorher informiert. Scheinbar hatte die erste Betreuerin sich mit der Agentur im Streit entzweit. Ich bekam überraschend einen neuen Vorschlag zugeschickt. Eine Dame sollte aus Russland anreisen alles musste etwas schneller gehen. Ich bestand auf einen Corona-Test, der wurde gemacht und die Dame blieb in Russland. Positiv.


Die zweite vorgeschlagene Dame hatte noch drei Tage Zeit. Sie sollte aus Polen kommen und hatte, laut Agentur am Tag des Vorschlags einen Test gemacht, der mir noch vorher zugesendet werden sollte. Die Betreuerin war 63, aber den Kompromiss wollte ich gerne machen, wenn sonst alles passt und mein Vater versorgt ist.


Am 31.01.21 kam die Dame am Spätnachmittag ins Haus. Ein Testergebnis hatte ich nicht erhalten und hatte ein mulmiges Gefühl dabei. Eine zweistündige Übergabe wurde gemacht, alles von ihrer Vorgängerin erklärt und Pflegerin Nummer Eins verlies uns. Über den ersten Tag stellte ich dann fest, dass Pflegerin Nummer Zwei:

  • sehr viel schlechter Deutsch sprach (also ehrlich gesagt kaum)

  • besonders mit einem Demenzpatienten daher nicht umgehen konnte, da man da vieles erklären muss (z.B. wer man ist) und dieses täglich mehrfach

  • sie zwar einen Führerschein hat aber seit Jahren nicht mehr fährt, da sie wegen eines Unfalls Angst hat

  • und sie auch nicht zu Fuß einkaufen gehen kann, weil es ja regnet

  • sie auch keinen negativen Demenztest bei sich hat

Am zweiten Tag hat sie dann noch vergessen meinem Vater seine Medikamente zu geben, also dafür zu sorgen, dass er seine Tabletten nimmt. Ich beschloss also, dass Dame Nummer Zwei nicht die Richtige ist und bat die Agentur, sie innerhalb der nächsten Tage auszutauschen.


Die polnische Agentur (also nicht meine deutschen Ansprechpartner) schrieb mir dann direkt per E-Mail, die Dame würde allen Voraussetzungen entsprechen und durch die Blume gesprochen "ich solle mich nicht so anstellen". Den Demenztest habe man noch nicht in der Agentur, da dieser erst in den nächsten Tagen kommt.

Daraufhin schickte ich eine Kündigung los mit der Ankündigung, für Dame Nummer Zwei nicht zu bezahlen, da es nichts zu Bezahlen gäbe. Die polnische Agentur wollte nun, dass ich die Kündigungsfrist von 14 Tagessätzen bezahle. Nach einem Schreiben meines Anwalts, wurde die Dame nach zwei Tagen abgeholt. Vielleicht durch den Hinweis in diesem Schreiben, dass man sich strafbar macht, wenn man Mitarbeiter ohne vorliegenden Test losschickt ist die Kommunikation seitdem verstummt.


Die Agentur wurde also gewechselt und neue Vorschläge eingeholt. Eine Polin, welche den Voraussetzungen entsprach, sollte vorgestern ankommen. Ihr Test war eine Woche alt. Ich bestand auf einen Neuen. Sie kommt nicht. Positiv. Sie arbeitete eigentlich zu diesem Zeitpunkt schon in Deutschland, war aber "mal kurz" zu ihren Verwandten gefahren. Was denken Leute da? "Wird schon nichts passieren"? Es geht da um das Leben meines 82jährigen Vaters. Nun soll Ersatz kommen, morgen oder übermorgen.... je nachdem wie der Test ausfällt.


Diese Erfahrung musste ich mir von der Seele schreiben. Ich würde sehr gerne wissen:

  • Habt ihr ähnliche oder andere Erfahrungen gemacht?

  • Könnt ihr verstehen, dass ich Angst um meinen Papa habe?

  • Habt ihr Tipps und Ratschläge für mich?

Natürlich werde ich euch hier auf dem Laufenden halten, wie es mit Dame Nummer Drei weitergeht... oder auch nicht weitergeht ;-)






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